Ein Gefühl von Zeitlosigkeit

Weekly5 • Edition #18 • Sylvie Kreusch, Mdou Moctar, Catalyst, R Plus, Julien Bracht

🕒 842 Wörter, Lesezeit: 6 Minuten

Ich bin stets abgeneigt, zu sagen, es sei eine fantastische Auswahl. Eigentlich ist das ziemlich kurios, denn es sind die Künstler*innen, die ständig in Musik destillierte Grossartigkeit abliefern.

Andererseits kann ich nie sicher sein, dass du mit meinem Geschmack einverstanden bist. Aber am Ende bist du ja hier, weil ich vermutlich hin und wieder richtig liege.

Heute präsentiert Weekly5 dir eine opulente Ballade, unfassbaren Gitarren-Sound aus Westafrika, scheppernder Schweizer Rock, einen mutigen Coversong und farbenfroher Electro.

Und natürlich gibts diese Songs auch in den Playlist auf Spotify und Apple Music.

Sylvie Kreusch – All of Me

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Sylvie Kreusch erschien mit ihrem Beitrag an Maarten Devolderes Warhaus und dem gleichnamigen, zweiten Album auf dem Radar. Seither hat die Belgierin ständig neue Musik veröffentlicht und damit weiter an ihrem Ruf als ausserordentliche Künstlerin gearbeitet.

All of Me, die zweite Single in diesem Jahr, baut zweifelsohne weiter an ihrer Anziehungskraft. Kreuschs schwelender Gesang entfacht eine wohlige Wärme. Gepaart mit einem nostalgischen Vintage-Feeling, wächst die Zeitlosigkeit des Songs immer weiter.

Obwohl All of Me wie ein martialischer Marsch beginnt, verschiebt Kreusch schnell die Wahrnehmung – hin zu einer samtweichen Ballade. Sie verbannt die Kriegstrimmeln in den Hintergrund, während die Lo-Fi-Streicher ins Rampenlicht treten. Der Song bleibt relativ zurückhaltend, doch zum Finale hin explodiert das Saxophon in ein frivoles Feuerwerk puren Adrenalins.

Mdou Moctar – Afrique Victime

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Gemäss MOJO ist Mdou Moctar der “heisseste Schredderer in der Sahara”. Am Freitag hat Moctar sein neues Album Afrique Victime veröffentlicht. Hört man dieses neun Songs starke Werk, wird schnell klar, dass MOJOs Verdikt beinahe eine Untertreibung war.

In eine konservative muslimische Familie geboren, machte sich der in Niger lebende Tuareg auf, ein Pionier des Tuareg Blues zu werden. Mühelos kombiniert er afrikanische Klänge mit westlicher Gitarrenmusik. Und der titelgebende Song Afrique Victime klingt wie ein Best-of seiner unglaublichen Vielfalt.

Der Track ist ein wilder, 7-minütiger Ritt, der stetig an Fahrt und Kraft gewinnt. Moctar schmiedet modernen Sahara-Sound und klassischen Rock in einem Schmelztigel aus Saiten-Eskapaden und sehnsüchtiger Melodie. Gleichzeitig reflektiert Afrique Victime über die Liebe, Religion, Frauenrechte, Ungleichkeit und die Ausbeutung Westafrikas durch die Kolonialmächte.

Catalyst – Jolene

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Das ist geniales Storytelling: «Jolene is pregnant, she’s driving a car. Through the radio plays a heavy guitar, and it feels like it’s a personal theme song. On the passenger seat, the machine gun.»

Nein, Jolene des Alternative-Rock-Duos Catalyst ist kein Cover des Country-Hits von Dolly Parton. Die St. Galler erzählen nicht von Partner-, sondern von Bankraub – unterlegt mit einem bleischweren Soundtrack.

Jolene groovt, scheppert und eskaliert wie ein Mustang auf einer holprigen, staubigen Kiesstrasse. Das Schlagzeug klingt wie Trommelfeuer, die Gitarren lassen Glas zerbersten wie Kugeln. Es ist genauso, wie Catalyst singen: «Jolene is special, and she’s pretty smart, plays a dangerous game with a dangerous heart.»

R Plus & Amelia Fox – Love Will Tear Us Apart

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Love Will Tear Us Apart ist die unsterbliche Hymne von Joy Divison. Jene Band, die lediglich zwei Alben veröffentlicht hat und dennoch bis heute Musiker*innen rund um den Globus inspiriert. Ian Curtis, der Kopf der Gruppe aus Manchester, hat sich vor 41 Jahren das Leben genommen. Viel zu jung, viel zu früh.

«Love Will Tear Us Apart hatte eine unglaubliche Bedeutung für mich als Teenager – auch heute noch», sagt Rollo Armstrong. Der Bruder von Dido ist bekannt für seine Rolle bei Faithless. Zusammen mit Sister Bliss hat er R Plus begründet. Nun, mit der Stimme von Amelia Fox, haben R Plus ebendiesen Song gecovert.

«Wir wollten, dass unsere Version wie ein Stück klingt, das man in einer Zeitkapsel unter dem heute leeren DJ-Pult des Haçienda gefunden hat. Ein Stück, das die Traurigkeit des Songs und die nächtliche Euphoie des legendären Clubs einfängt», erklärt Rollo weiter.

Es ist ein mutiger Schritt, umso mehr, weil sie die Post-Punk-Nummer einen Dance-Track verwandeln. Aber dass Love Will Tear Us Apart weiterhin funktioniert, beweist zwei Dinge: Die unfassbare Brillanz von Joy Divisions Songwriting und Armstrongs Talent.

Julien Bracht – Streets

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Es war eine wichtige Woche für Julien Bracht. Am Freitag veröffentlichte er als Teil des Duos Lea Porcelain das zweite Album Choirs to Heaven. Und Tage zuvor entliess er eine weitere Solo-Single in die Welt. Bereits im März war Bracht mit Melancholia Teil der Weekly5.

Sein neuster Track heisst Streets und verdient die Aufmerksamkeit definitiv. Am Rande von Progressive Electronic kreiert der Sound eine erstaunlich unendliche Atmosphäre. Bracht schafft es, den Abgrund zwischen Tanzbarkeit und fabenfrohem Ambient-Traum zu überspannen. Streets fühlt sich irgendwie an wie Techno, aber gleichzeitig auch überhaupt nicht.

Eingängige elektronische Musik hat zwar einen schlechten Ruf, gilt als zu simpel. Doch Streets bleibt packend ohne in die Beliebigkeit abzusinken. Ein exotischer, faszinierender Track.


Das war’s für die heutige Edition. Ich hoffe, dass du musikalische Inspiration gefunden hast. Im besten Fall schafft es einer der Songs in deine persönliche Playlist. Ich freue mich auf jeden Fall schon auf die nächste Auswahl.

Alles Gute

P.S. Wenn dir diese Ausgabe gefallen hat, bitte drücke kurz auf das Herz oder schreibe einen Kommentar und lass mich wissen, welcher Song es dir angetan hat. Danke.
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