Ein musikalischer Roadtrip

Weekly5 • Edition #19 • Atzur, Desperate Journalist, Kendal, Foy Vance, Nebno

🕒 845 Wörter, Lesezeit: 6 Minuten

Heute präsentieren sich die Weekly5 erneut als bunter Strauss. Die musikalische Vielfalt bleibt für mich eine nie endende Faszination. Selbst nach 13 Jahren ist die Bewunderung für Künstler*innen ungebrochen, die über Stilgrenzen hinweg Grossartiges schaffen.

In diesem Newsletter empfehle ich dir deshalb frisches Material europäischer Musiker*innen. Wir begeben uns auf einen musikalischer Roadtrip, der den Kontinent überspannt. Von Wien nach Barcelona sinnieren wir über die Bedeutung von Zuhause. Dann rüber nach London, um Stereotypen zu zerschmettern. Wir stoppen im postmodernen Toulouse und tanzen uns die Seele aus dem Leib. In Nordirland suchen wir unsere innere Stärke, nur um später von der Schweiz aus in ein neues Universum zu tauchen.

Atzur – Home to Home

🎧 Spotify | Apple Music

Schneebedeckte Felder ziehen an der Windschutzscheibe vorbei. Von Barcelona nach Wien – und zurück. So entstand die Kontinent-überspannende Hymne Home to Home des österreichisch-spanischen Duos Atzur. Und da ist diese Frage: Was ist eigentlich Zuhause?

«And I’ve been afraid, cierro los ojos temo no volver», singt Patricia Trost. «Ich schliesse meine Augen, habe Angst nicht zurückzukehren.» Untermalt werden die Zweifel mit Sehnsucht und Abenteuerlust, aber ebenso melancholischen Heimweh-Klängen. Home to Home ist zerrissen, und doch nimmt am Ende der Optimismus überhand.

Die Dramatik von Home to Home ist perfekt inszeniert. In bester Florence + The Machine-Manier schichten Atzur ein kraftstrotzendes Denkmal zusammen. Der Sound ist überdimensional, getrieben von purer Überzeugung, garniert mit einer gehörigen Portion Pathos. Eine bestechende Mixtur, die einen auf die nackte Existenz zurückwirft.

Desperate Journalist – Personality Girlfriend

🎧 Spotify | Apple Music

Es beginnt trabend. Personality Girlfriend, die jüngste Single der Londoner Post-Punker Desperate Journalist, ist keine lupenreine Genre-Perle – und gerade deswegen umso spannender. Da schlingert die Robert Hardys Gitarre um die Ecke wie ein Sportwagen auf einer Passstrasse.

Die 2012 gegründete Band um Sängerin Jo Bevan amalgamiert Indie-Rock mit Prärie-Staub, überzogen mit dem melancholischen Ambiente des Post-Punk. Doch wirklich depressiv lässt einen Personality Girlfriend nicht zurück. Dafür ist das Stück zu roh, zu kraftvoll, zu treibend.

«Der Song ist auch eine Riposte auf die müde alte kulturelle Trope, dass eine Frau unglaublich stark und eine Art Ausbund an Tugend sein muss, um wertvoll oder interessant zu sein», sagt Bevan über den Song. Ein packender Vorgeschmack auf Maximum Sorrow, das vierte Studioalbum der Gruppe, welches am 2. Juli erscheinen wird.

Kendal – Pastaga (feat. David Caretta)

🎧 Spotify | Apple Music

«You control your body.» Wirklich? Denn Pastaga (Pastis) des Produzenten Kendal aus Toulouse ist eine ebenso würzige Droge wie das alkoholische Anis-Getränk. Und ebenso mag es den einen schmecken – oder auch nicht.

Klar ist: Pastaga ist flüssiges Doping für das Tanzbein. Kendal synthetisiert überspitzten 80er-Jahre-Vibe und neonfarbenen Synthwave. Axel Foley trifft auf Cyberpunk in einer postapokalyptischen Disco. Sind wir in der Vergangenheit gelandet oder der Zukunft? Spielt keine Rolle, solange wir neben Marty McFly auf dem Hoverboard über den Dancefloor wirbeln.

Die Ambivalenz des Tracks ist ein Faszinosum. Da hämmert ein düsterer Bass, doch darüber legen sich kunterbunte Synthesizer-Eskapaden. Da sind vertraute Retro-Allüren, doch im Kopf tanzen futuristische Hologramme.

Foy Vance – Sapling

🎧 Spotify | Apple Music

Es ist der stimmgewaltigste Schnauz der Musik – abgesehen von Freddy Mercury vielleicht. Der Nordire Foy Vance lässt einen Zeit und Raum vergessen. Sein Schaffen, tief verwurzelt im Folk und Alt-Country, ist schlicht und überwältigend. Die Definition von unbeugsamer Schönheit. Ein Kronjuwel der Harmonie.

Mit Sapling beweist Vance erneut, aus welchem Holz sein Opus geschnitzt ist. Eine gewaltige Ballade, die sich wie ein Dolch direkt in die Seele bohrt. Erfüllt von Herzschmerz und Selbstzweifel.

I will look, get inside myself for a home
Find only a sapling in search of an oak
Better to start my love, oh it's a start my love
But am I strong enough?

Nebno – Eyote

🎧 Spotify | Apple Music

Eyote ist das erste Stück, das Manon Schlittler unter dem neuen Alias Nebno veröffentlicht. Doch frisch ist lediglich der Name, der Sound ist glücklicherweise nach wie vor eine ätherische Wucht.

Die Schweizer Künstlerin mal ein bedrohliches Bild: Ein kleines Boot auf stürmischen Wassern. «Caught in the ocean, out of control.» Eyote ist eine Metapher auf emotionales Chaos, schimmernd instrumentalisiert. Ein gewaltiges Stück Klangkunst, das zugleich vertraut und doch ausserirdisch scheint.

Nebno entführt uns in ein Universum, die tief in uns existiert. Sie offenbart das Innerste unseres Seins, die tiefsten Ängste, die ehrlichste Liebe. Um das zu schaffen, reisst sie das Fenster zum eigenen Herzen weit auf, ungeschützt vor den Elementen. Eyote ist beispielhaft für Nebnos zutiefst persönliche Musik, die – befreit von jeglichen strukturellen Vorstellungen – direkt aus ihrer Seele fliesst.

Transparenz: Ich habe 2019 einen Pressetext für Manon Schlittler geschrieben.


Und damit ist eine weitere Ausgabe der Weekly5 beschlossen. Natürlich immer mit der leisen Hoffnung, dir wenigstens einen Song empfohlen zu haben, der dich berührt und fortan begleiten wird.

Wenn dies der Fall ist, bitte ich dich, diesen Newsletter mit deinen Freund*innen zu teilen. Denn vielleicht geht es wie dir: Nichts ist schöner, als den Liebsten ein Stück Musik zu teilen.

Share

Geniess deinen Sonntag