Tote Lieblinge

Eine Weekly5-Spezialausgabe mit fünf Songs, die es nicht in die Empfehlungen geschafft haben.

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Der Prozess des Kuratierens produziert Gewinner und Verlierer. Das ist die eine unbequeme Wahrheit. Die andere ist, dass manchmal jene auf die Verliererseite kommen, die es eigentlich nicht verdienten. Und manchmal, ich hoffe selten, kommen Verlierer auf die Gewinnerseite. Natürlich ist das eine subjektive Wahrnehmung.

In den letzten Monaten habe ich 85 Songs für die Weekly5-Playlist auserkoren. Mal fiel diese Aufgabe leicht, mal schwer. Und es ist immer schmerzhaft, einen guten Track auszulassen. Vielleicht weil die Konkurrenz einfach zu stark war, vielleicht weil es der Balance der Selektion geschadet hätte.

"Kill your darlings" – so lautet das Motto beim Schreiben. Das Schöne beim Kuratieren ist, dass die Späne, die beim Schleifen einer Ausgabe fallen, in meiner Werkstatt bleiben. Und gleichzeitig ist es unfair, weil sie niemand zu Gesicht bekommt. Oder besser: zu Gehör.

Dies möchte ich heute ändern. Deswegen folgen in der heutigen Spezialausgabe fünf Stücke, die mir im Gedächtnis blieben, aber es nicht offiziell in die Auswahl schafften.

Silver Firs – Now We Start To See The Beauty

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Das Schweizer Duo Silver Firs veröffentlichte vor einigen Wochen nach langer Ruhezeit endlich wieder einen frischen Song. Der Titel Now We Start To See The Beauty ist fast schon fast poetisch im Anbetracht der heutigen Ausgabe.

Diese Single beginnt rhythmisch, rituell, beinahe psychedelisch. Lange zieht sich dieses Intro hin. Es klingt, als öffne sich die Tür in eine exotische Welt, ein Universum, in dem man sich verlieren kann.

Doch urplötzlich mündet dieses schräge Ding in einer lieblichen Indie-Pop-Hymne. Harmonisch, schimmernd. Ein schönes Aufbäumen, bevor die obskure Rhythmus wieder übernimmt.

Solomun – Tuk Tuk (feat. ÄTNA)

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Was geschieht, wenn Deep House auf ätherischen Electro-Pop trifft? Diese Frage beantwortete der renommierte Produzent Solomun zusammen mit dem Dresdner Duo ÄTNA. Tuk Tuk treibt Tanzfieberschweiss auf die Stirn, ohne beliebig zu wirken.

Inéz Schaefer, ÄTNAs Stimme, verschafft mit ihrer Performance dem schon drängenden Song zusätzlich Dringlichkeit. Irgendwo zwischen Clubfeeling und Hip-Hop-Vibe lässt sich Tuk Tuk nie richtig einordnen.

Diese Kollaboration ist merkwürdig, aber gelungen. Ein Denkmal dafür, dass Hymnen der Eskalation nicht einfach gestrickt sein müssen. Tuk Tuk wagt etwas.

Steiner & Madlaina – Wenn ich ein Junge wäre (Ich will nicht lächeln)

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So klingt Protest, so klingt Wut. Wenn ich ein Junge wäre des Zürcher Duos Steiner & Madlaina ist das musikalische Resultat einer Demonstration. Ein Jahr nach dem grossen Frauenstreik in der Schweiz publiziert, hält dieser Song die geballte Faust des Feminismus hoch.

Begnadet sind Steiner & Madlaina sonst für ihre tief im jugendlichen Alltag verankerten Indie-Folk-Stücke. Wenn ich ein Junge wäre bricht mit diesem zarten Sound und erzielt damit exakt die richtige Wirkung: Er rüttelt auf.

Es ist ein rasanter Song, der schnellste und aggressivste auf ihrem zweiten Album Wünsch mir Glück. Aber einer, der in Erinnerung bleibt. Und damit auch die Botschaft.

Kaktus Einarsson – 45rpm

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Als Sänger der Band Fufanu zeichnete sich der Isländer Kaktus Einarsson verantwortlich für eine moderne und manchmal gewöhnungsbedürftige Iteration des Post Punks. Genre-technisch sind seine Solo-Werke kaum vergleichbar. Und doch schwingt das Einzigartige weiter mit.

45rpm ist ein wundervoll komponiertes Stück, ein Klang-Kaleidoskop, das bei jedem Hören eine neue Form, eine frische Farbe, eine zuvor verborgene Facette offenbart. Bizarre Schönheit und bedrohliche Schatten geben sich hier die Hand.

Mit 45rpm ist Kaktus Einarsson einer jener Songs gelungen, denen mit Worten kaum gerecht zu werden ist. Er bleibt immer ein Mysterium – und genau das ist das Schöne daran.

Adriano Koch – I Love You Sadness

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Adriano Koch ist ein junges Talent an den Tasten. Der 21-jährige Pianist schafft wundersame Welten. I Love You Sadness ist nur einer dieser Beweise, wie stilsicher Koch im Spannungsfeld von Klassik und modernem Ambient navigiert.

"This song is about resilience and how we should be grateful to once have been hurt. This song was created while transforming sadness into euphoria," sagt Koch über dieses im Februar veröffentlichte Stück.

I Love You Sadness klingt erst melancholisch, nachdenklich, dann aufbrausend und bestärkt. Es ist ein wilder Ritt zwischen Depression und Ermächtigung.

Bereue ich, dass es diese Songs nicht offiziell in die Weekly5-Auswahl geschafft haben. Definitiv, und das Bedauern steigt mit jedem Mal, wenn der Zufallsgenerator mir diese Stücke wieder serviert.

Doch gleichzeitig ist es nun auch ein gutes Gefühl, sie dir nun in einem speziellen Rampenlicht zu präsentieren. Ich hoffe, du hast auch heute wieder Inspiration für deine Playlist gefunden.

Herzliche Grüsse,